Schwanger in Beijing - Mag. Katharina Schneider-Roos

 
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BeitragVerfasst am: Do Mai 21, 2009 2:40 pm    Titel: Schwanger in Beijing - Mag. Katharina Schneider-Roos Antworten mit Zitat

Empfangen habe ich "Es" am 21. April 2003. Warum ich das so genau weiß, mein Mann flog am nächsten Tag nach Hause. Das heißt, dieses Kind wird nicht nur in Beijing geboren, sondern es wurde auch hier gezeugt.

(Anmerkung: Der Text wurde im Herbst 2003 verfasst)

Aus dem obigen Datum können Sie erkennen, dass ich jetzt im 6. Monat bin.
Laut westlicher Rechnung dauert eine Schwangerschaft bekanntlich 9 Monate, nach chinesischer 10 Mondmonate, was mich anfangs etwas verwirrte. Doch das sollte nur der Anfang meiner Verwirrungen sein.

Nach Bekanntgabe meiner Schwangerschaft bei chinesischen und westlichen Freunden, trafen auch gleich die Ratschläge ein, auch diese kulturell geprägt.
Die westlichen gingen eher in die Richtung, "Lass dir nicht zu viele Ratschläge geben!", wonach in der Regel eine Reihe eben dieser folgten, wie z.B.:"Gehe nicht in dieses Krankenhaus, sondern in jenes!" Oder genau umgekehrt von der nächsten Person: "Geh in jenes Krankenhaus und nicht in dieses!"

Jede hatte Geschichten von Freundesfreunden zu bieten, denen die furchtbarsten Katastrophen passiert waren. Chinesische Freunde tendierten mehr dazu, mir Ess- und Bewegungstipps zu geben. Das Essen sollte nicht zu scharf sein und keine Meeresfrüchte und Ingwer enthalten. Wenn ich dann zu scharfes Essen vermied, wurde das von den anderen Tischgästen als Blödsinn entlarvt. Ich sollte doch mehr Suppe, besonders Hühnersuppe trinken.
Nun versuche ich, mich möglichst ausgewogen zu ernähren. Darüber sind sich alle einig.

Einig sind sich Osten und Westen auch darin, dass ein schwangerer Bauch zur allgemeinen Betastung freigegeben ist. Ich hätte mir nie gedacht, dass mir meine Freunde und auch Kellnerinnen im Restaurant einmal auf den Bauch klopfen, darüberstreichen oder ihn sonst berühren würden – eine unvergessliche Erfahrung.

Ich hatte den Eindruck, dass man sich nach chinesischem Verständnis während der Schwangerschaft am besten gar nicht bewegt und beim Gehen vom Ehemann gestützt wird.
Meinem Bewegungsdrang komme ich trotzdem nach. Ich schwimme drei Mal die Woche, die beste Aktivität, der man nach westlicher Lehrmeinung bis zum Ende der Schwangerschaft nachgehen soll. Natürlich übertreibe ich es nicht, aber ich habe schon Kopfschütteln geerntet dadurch, da man davon und vom "Wind", den man dabei und bis zum "Yuezi", dem ersten Monat nach der Geburt, abbekommt, unergründliche Leiden davontragen kann, die sich dann erst im Alter zeigen.

"Zuo Yuezi" würde man mit "Wochenbett" übersetzen, was aber nicht den vollen Bedeutungsgehalt wiedergibt. Im ersten Monat nach der Geburt darf die chinesische Wöchnerin ihre Wohnung nicht verlassen, sich nicht waschen und vor allem sich keinem "Wind" aussetzen.
Meine persönliche Erklärung ist, dass dieser Brauch seine Wurzeln in Zeiten und Orten hat, in denen schwierige Lebensbedingungen herschen. Heute in städtischen Bereichen mit 24 Stunden Heizung und heißem Wasser wird er sich mit der Zeit vielleicht auch auflockern.
Ich denke nicht, dass westliche Frauen sofort nach der Geburt aufspringen und den größten Teil der ersten Wochen im Freien verbringen, aber ein wenig frische Luft bekommen Mutter und Kind schon ab.

Und nun zur scheinbar wichtigsten Frage für chinesische Schwangere: Was für ein Geschlecht wird "Es" wohl haben?
Zur Klärung dieser Frage gibt es verschiedene Methoden der Analyse.
Nummer 1: War die Schwangere in den ersten drei Monaten unwohl, hat sie ungewollt Nahrung von sich gegeben? Dann ist es ein Junge. Ich hatte all meine Nahrung bei mir behalten, was auf ein Mädchen schließen ließ.
Nummer 2: Hat die Schwangere vermehrt saure oder vermehrt scharfe Nahrung zu sich genommen?
Nummer 3: Ist der Bauch spitz oder rund?
Mein Vater bot im Scherz eine österreichische Variante: Wachsen vor dem Haus viele Walnüsse, wird es ein Junge.

Wir verdarben das Spiel und ließen uns das Geschlecht des Kindes durch eine Ultraschalluntersuchung zeigen, was chinesischen Eltern verboten ist, da es aus traditionellen Vorstellungen zu Abtreibungen von Mädchen kam. Es war unverkennbar ein Junge.
Die untersuchende Ärztin gab dem in ihren Augen aus diesem Grunde besonders glücklichen Vater ein Ultraschallbild mit dem für sein Geschlecht charakteristischen Körperteil. Der Vater war eindeutig glücklich, aber darüber, dass er sein Kind sah und es gesund zu sein schien, nicht weil es seinem Geschlecht angehörte.

Die Reaktionen der chinesischen Freunde waren unterschiedlich. Die einen gratulierten zum "runden Söhnchen", im Sinn von "Glück gehabt!". Die anderen, aufgeschlosseneren machten uns beinahe Vorwürfe, da sie dachten, wir hätten die Untersuchung nur wegen der frühestmöglichen Erkennung des Geschlechts durchführen lassen.
Wir waren nur froh, dass sich nun die deutsche Namenssuche ein wenig eingeschränkt hatte. Die chinesische Namenssuche überlassen wir ohnehin einem chinesischen Arzt, der nach über Jahrhunderte tradierten Methoden den passendsten und glückbringendsten Namen ermitteln wird.
Er steht mir auch bei Fragen bei, die im westlichen Krankenhaus nicht besprochen werden, wie z.B. die Balance meines Magen-Qis. Seine Mutter war eine berühmte Dorfhebamme und ich freue mich schon auf die praktischen Hinweise zur Pflege des Neugeborenen.

Die Wahl des Krankenhauses fiel auf ein amerikanisches, das immens teuer ist, aber dessen Kosten von meiner Versicherung gedeckt werden.
Zwei chinesische Krankenhäuser, die von gleicher Qualität und möglicher Weise sogar besser ausgestattet sind, wären auch in Frage gekommen, doch wollte ich in dieser sensiblen Situation nicht mit kulturellen Unterschieden und sprachlichen Verwirrungen zu kämpfen haben. Gerüchten und Statistiken zufolge ist außerdem die Kaiserschnittrate in chinesischen Spitälern um einiges höher als im Westen und die Männer sind bei der Geburt unerwünscht. Da wir dieses Erlebnis aber gemeinsam bestehen wollen, kam es nicht in Frage, dass mein Mann in den wichtigsten Minuten hinausgeschickt wird.

Nun hoffen wir, dass die nächsten Monate auch so gut wie die ersten sechs verlaufen. Nach der Geburt müssen wir uns wohl für eine Staatsbürgerschaft entscheiden.
Wir gehen nach dem Motto vor: "Je mehr, desto besser".
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